Bachverband lässt den Katastrophenregen von Mitte Juli analysieren

Nach nur drei Jahren wiederholte sich ein vermutlich wieder über 100-jährliches Regenereignis mit den schlimmen Folgen in anderen Flusssystemen. Damals hatte der Bachverband die verschiedensten Meldungen über Niederschlagsmessungen gutachterlich zusammentragen und bewerten lassen. Dies ist erforderlich, um zum Beispiel Rückschlüsse für den Hochwasserschutz und eventueller Anpassungen im Verbandsgebiet vornehmen zu können.

Dies Gutachten ist online unter folgendem Link für Jedermann einsehbar: Gutachten Fischer

Jetzt hat der Bachverband erneut entschieden die verschiedensten Niederschlagsmeldungen zusammenzufassen und zu analysieren, um erneut zu bewerten, ob im Verbandsgebiet Anpassungen nötig sind. Verbandsvorsteher Horst Engel: „Es kommt auch darauf an, dass wir das Netz der wechselfeuchten Ronnen, also der vielen, vermeintlich harmlosen Gräben, die nur bei Regen Wasser führen, sich aber zu Sturzbächen entwickeln können, stärker in den Blick nehmen.“

Mit den Gutachterergebnissen wird in etwa zwei Monaten gerechnet.

Das Bild zeigt als Beispiel einen der üblichen Ronnen-Abschnitte. Durch natürliche Erosion, Verfrachtung durch Wind und Regen, wird ständig wertvoller Ackerboden eingetragen. Dieser muss aufwendig mit Bagger-Einsatz entfernt werden, damit bei Regen das Wasser abfließen kann.

 

Bitte beachten:

Pflicht zur Vorsorge zum Schutz vor Hochwasserfolgen gemäß Paragraph 5 Wasserhaushaltsgesetz

§ 5 WHG
Allgemeine Sorgfaltspflichten 

(1) Jede Person ist verpflichtet, bei Maßnahmen, mit denen Einwirkungen auf ein Gewässer verbunden sein können, die nach den Umständen erforderliche Sorgfalt anzuwenden, um 1. eine nachteilige Veränderung der Gewässereigenschaften zu vermeiden, 2. eine mit Rücksicht auf den Wasserhaushalt gebotene sparsame Verwendung des Wassers sicherzustellen, 3. die Leistungsfähigkeit des Wasserhaushalts zu erhalten und 4. eine Vergrößerung und Beschleunigung des Wasserabflusses zu vermeiden. 

(2) Jede Person, die durch Hochwasser betroffen sein kann, ist im Rahmen des ihr Möglichen und Zumutbaren verpflichtet, geeignete Vorsorgemaßnahmen zum Schutz vor nachteiligen Hochwasserfolgen und zur Schadensminderung zu treffen, insbesondere die Nutzung von Grundstücken den möglichen nachteiligen Folgen für Mensch, Umwelt oder Sachwerte durch Hochwasser anzupassen.

Renaturierung verbessert Hochwasserschutz

Im Zusammenhang mit der Renaturierung Pulheimer Bach, aktuell in Sinthern und Geyen, werden verstärkt Fragen zum Hochwasserschutz gestellt. Die Berichterstattung über die Hochwasserkatastrophen im Süd- und Nordosten von Deutschland trägt verstärkt dazu bei. Der Bachverband fasst Fragen und Antworten zusammen:

Für welches Hochwasserereignis ist der Hochwasserschutz am Pulheimer Bach ausgelegt?

Für das 50-jährliche Hochwasserereignis – ein Hochwasserereignis, das statistisch alle 50 Jahre eintreten kann. Doch Vorsicht: Muss es aber nicht, es kann schon morgen eintreten.

Warum ausgerechnet für das 50-jährliche Hochwasserereignis?

Extremereignisse sind unvermeidbar, wenn man im Wirkungsbereich solcher Naturereignisse, den Auen, siedelt. Die Räte der Kommunen Bergheim und Pulheim haben sich seinerzeit deshalb auf diese Grenze verständigt, weil noch bezahlbar.

Sind die Hochwasserschutzmaßnahmen irgendwann beendet?

Besiedelung, Über- und Anbau, Einleitungen, Flächennutzung, Bodenerosion und veränderter Abfluss zwingen zu ständigen Anpassungen. Völliger Schutz ist nur durch eine “Vermeidungsstrategie” möglich: Dem Wasser lassen, was dem Wasser gehört. Die Aue ist das natürliche Überschwemmungsgebiet der Fließgewässer. Wenn man das Areal trotzdem nutzen will, muss man einen in seinem Zeitpunkt des Auftretens nicht kalkulierbaren “Besuch” des Wassers einplanen oder den Schaden akzeptieren. Diese Schadensakzeptanz war bisher die Konvention.

Welche Wassermengen muss der Pulheimer Bach beim 50-jährlichen Hochwasserereignis schadlos abführen?

3.000 Liter/Sekunde, egal ob noch in Betonsohlschalen gefesselt oder schon renaturiert.

Wie wirkt sich die Renaturierung auf den Hochwasserschutz aus?

Verstärkend: Mäanderbögen, breiterer Bachlauf und neue Auenbereiche schaffen Platz für Überschwemmungsraum, viel wichtiger als immer höhere Dämme und Deiche. Überschwemmungsraum vermindert die Fließgeschwindigkeit, Hochwasserwellen bleiben sogar aus oder kommen flacher und langsamer.

Und was muss man tun, diese Überschwemmungsräume zu realisieren?

Das A und O ist der weitere Grunderwerb links und rechts der Bäche und Flüsse. Bei Katastrophenregen oberhalb des 50-jährlichen Hochwasserereignisses “holt” sich vorübergehend der Bach diese Flächen sowieso.

Kann man den zusätzlichen Hochwasserschutz durch Renaturierung messen?

Ziemlich genau – zwei Beispiele: Glessen, Renaturierungsabschnitt gegenüber der Kläranlage, etwa 10.000 Kubikmeter zusätzlich Pulheim, zwischen Geyen/Junkerburg und B59 N, etwa 7.500 Kubikmeter zusätzlich.

Hat dieser zusätzliche Hochwasserschutz auch zusätzliche Kosten verursacht?

Nein, wie im Großen, so im Kleinen: Hochwasserschutz durch Renaturierung ist ein kostenloses, aber wünschenswertes “Nebenprodukt” der Gewässerrenaturierung.

Gibt es weitere Argumente?

Mobilisierung natürlicher Reinigungskräfte – von “Abwasser- zur Badewasserqualität”. Geradezu Pflicht für Grund- und Trinkwasserschutz im Einzugsgebiet Wasserwerk Köln-Weiler. Darüber hinaus: Renaturierung ermöglicht Naturerlebnis am Bach, “Außerschulische Lernorte” erlauben es gerade Kindern Zusammenhänge der ökologischen Aufwertung, mit Rückkehr artenreicher Pflanzen- und Tierwelt zu erkennen und zu verstehen. Renaturierung verbessert somit den Erhalt der Artenvielfalt.

Gibt es spezielle Einrichtungen für den Hochwasserschutz?

Ja: Glessen, Hochwasserrückhaltebecken im Naturschutzgebiet “Liebesallee”, hinter der Feuerwehr, 25.000 Kubikmeter Rückhaltevolumen.
Glessen, Hochwasserrückhaltebecken am Friedhof, 59.300 Kubikmeter Rückhaltevolumen.
Sinthern: Hochwasserrückhaltebecken Sinthern, 80.000 Kubikmeter Rückstauvolumen; aus Sicherheitsgründen gelten für den sicheren Betrieb Talsperrenvorschriften.
Pulheim: Hochwasserrückhaltebecken “Bendacker”, am Elchweg, 30.500 Kubikmeter Rückhaltevolumen.
(Projektgalerie)

Ist das nicht überzogen, die Becken hat man noch nie voll gesehen?

Beim “Bordvoll” gefüllten Bach fließen 3.000 Liter/Sekunde schadlos ab. Jeder zusätzliche Liter löst automatisch den Einstau aus. Volle Becken hätten den Hochwasserschutz völlig ausgereizt.

Wie wirken sich verrohrte Bachabschnitte in den Ortslagen für den Hochwasserschutz aus?

Beim 50-jährlichen Hochwasserereignis ohne Probleme.

Und wie bei einem Hochwasserereignis, das stärker ist als ein 50-jährliches Hochwasserereignis?

Im Rohr eingeengt überfordern solch ernorme Wassermengen die maximale Durchleitungsmenge: Vor den Verrohrungen steigt der Bach aus seinem Bett und überschwemmt tiefer liegende Bereiche. Je nach Wasserdruck können sich Wartungsschächte geradezu wie Artesische Brunnen entwickeln, die schweren Schachtdeckel werden wie nichts nach oben weggedrückt.

Sind verrohrte Bachabschnitte sicherer als offene Bachabschnitte?

Nein, der Bach ist eingeengt. Mit Öffnung verrohrter Bachabschnitte wird regelmäßig auch der Querschnitt und damit das Durchleitungsvolumen deutlich erhöht. Der Hochwasserschutz wird verbessert.

Gibt es am Pulheimer Bach bereits Bachabschnitte, deren Verrohrung wieder geöffnet wurden?

Leider nein. Es gibt aber verrohrte Bachabschnitte, die für eine Öffnung bestens geeignet wären. Da mühen wir uns weiter, um Anrainer und Grundstückseigentümer zu überzeugen.

Aktuell werden so genannte Hochwassergefahrenkarten am Pulheimer Bach diskutiert. Was ist der Hintergrund?

EU- und nationales Recht verpflichten jetzt die Kommunen, auch Pulheim, den Hochwasserschutz für das 100-jährliche Hochwasserereignis zu überprüfen und mögliche Überflutungsflächen in Karten darzustellen.

Gibt es besondere Erfahrungen zu den so genannten Starkregenereignissen?

Ja, Verschiebung vom Winterhalbjahr zum Sommerhalbjahr. Oft mit stärkeren und kleinräumigen Starkregenereignissen verbunden, da die warme Atmosphäre mehr Wasser aufnehmen kann. Typisch: Gewitterlagen. Dabei führen kurze Starkregenereignisse zu hohem Oberflächenabfluss, vor allem in einer intensiv genutzten und dicht besiedelten Agrarlandschaft, wie dem Einzugsgebiet des Pulheimer Bachs. Die extremen Hochwässer haben aber etwas komplexere Rahmenbedingungen bei den Witterungserscheinungen, die mehrtägige extreme Niederschläge zur Folge haben. Dabei wird, nachdem die Bodenporen mit Wasser gefüllt sind, fast alles Niederschlagswasser direkt dem Bach (und Flüssen) und seinen Nebengewässern zugeführt. Die gegenwärtige katastrophale Situation im Osten Deutschlands ist dadurch verstärkt worden, dass der Mai überdurchschnittlich kühl und feucht war. Als sich die so genannte Vb-Wetterlage einstellte, die eigentlich jedes Jahr mehrmals auftreten kann, war der Boden bereits vor Einsetzen der lang anhaltenden kräftigen Regen so voll Wasser, dass er fast nichts mehr aufnahm. Und, im Unterschied zu Gewittern hat das Regengebiet einer Vb-Wetterlage eine sehr viel größere Ausdehnung als Gewitterfronten. Das bedeutet bei vielen Bächen und selbst manchen Flüssen, dass über dem gesamten Einzugsgebiet tagelang viel Regen fällt. Wenn der Boden als Speicher für dieses Wasser ausfällt, braucht der Bach oder Fluss seine Aue als Kurzzeitspeicher. Wenn er die nicht hat, baut sich flussab eine immer mehr zunehmende Hochwasserwelle auf. Jeder durchbrochene Deich ist zwar vor Ort schlimm, aber für die Anwohner flussabwärts eine Entlastung.

Ist der Hochwasserschutz am Pulheimer Bach ein besonderes Thema der letzten Jahre?

Nein. Der “Widdersdorfer Damm”, 1720 errichtet, schützte schon vor rund 300 Jahren Pulheim vor Hochwasser (siehe historische Karte). Wegen vieler schlimmer Überschwemmungen in Pulheim (1947), Sinthern (1958), Geyen und Glessen, haben die Kommunen Bergheim und Pulheim 1964 den Bachverband gegründet. Seitdem wurde der Hochwasserschutz für das 50- jährliche Hochwasserereignis ausgebaut und die Renaturierung begonnen.

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